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Herr Dr. Doleschel, die Temperaturen in Bayern steigen im Jahresdurchschnitt beständig an. Das belegen die Statistiken des Bayerischen Landesamts für Umwelt. Wie wirkt sich der Klimawandel auf die Landwirtschaft in Bayern aus?

Peter Doleschel: Wir liegen je nach Region bei den Jahresmitteltemperaturen bereits heute zwischen eineinhalb und zwei Grad Celsius über dem langjährigen Durchschnitt. Das ist dramatisch. Die Auswirkungen auf die Landwirtschaft lassen sich jedoch nicht pauschalisieren, denn innerhalb von Bayern gibt es bei den Durchschnittstemperaturen erhebliche Unterschiede. Das hängt von der Höhenlage und dem Regionalklima ab. Bedeutsamer noch als die Temperaturerhöhung ist die höhere Verdunstung, die damit einhergeht. Selbst wenn sich die Niederschlagsmenge nicht ändert, wird es faktisch trockener, weil mehr Wasser aus den Böden verdunstet. Ob das ein Problem ist, hängt ebenfalls von der Region ab. Ein Beispiel: Im Voralpenland liegt die durchschnittliche Niederschlagsmenge bei rund 1.000 Millimetern pro Quadratmeter und Jahr. Je näher wir dem Alpenhauptkamm kommen, desto stärker steigt die Niederschlagsmenge wegen der Staulage des Gebirges an, bis auf 2.000 Millimeter. Im Voralpenland können Sie wegen der Niederschläge eigentlich nur Grünland bewirtschaften. Mit weniger Regen wäre es vielleicht sogar möglich, einen Maisacker anzulegen. In bestimmten Regionen kann Klimaveränderung für die Landwirtschaft in Teilbereichen auch positiv sein.
 

Die Regel ist das aber nicht…

Doleschel: Wenn Sie im Gegenzug nach Franken schauen und in die nördliche Oberpfalz, wo es verhältnismäßig wenig regnet, da führt eine Erhöhung der Durchschnittstemperatur um ein bis zwei Grad gleich zu einem deutlich stärkeren Wasserverlust im Sommer. Dieses Wasser steht den Pflanzen dann nicht mehr für ihr Wachstum zur Verfügung. Darüber hinaus führt der Klimawandel noch zu einer leichten Verschiebung des Niederschlagsgeschehens im Jahresverlauf. Beobachtungen haben ergeben, dass es in der Vegetationszeit vom 1. April bis zum 31. August weniger regnet. Wir sehen also bei der Entwicklung der Niederschlagsmengen eine doppelte Dynamik. Die Wasserversorgung der Pflanzen hängt deshalb in Zukunft noch stärker davon ab, wie gut der Boden Wasser halten kann. Diese Bodeneigenschaft kann sich innerhalb von kurzen Distanzen ändern. Insbesondere im Hügelland, wo die Bodenqualitäten stark variieren, kann es passieren, dass die Landwirte an einer Stelle schon mit Dürre zu kämpfen haben, an anderer Stelle hingegen noch nicht. Wenn man jetzt trotzdem versucht, die Effekte des Klimawandels auf die Landwirtschaft auf übergeordneter Ebene zu beschreiben, dann werden insbesondere die fränkischen Regierungsbezirke und die nördliche Oberpfalz mit einem deutlich höheren Risiko für Trockenheit zu kämpfen haben.

2024 war das Jahr der Temperaturrekorde in Bayern

Wie verändert sich das Klima in Bayern? Nach den Daten des Bayerischen Landesamts für Umwelt (LfU) zeigt der langjährige Trend in Bayern von 1951 bis 2019 bereits einen Temperaturanstieg von 1,9 Grad Celsius. Da Bayern aufgrund seiner sehr unterschiedlichen Höhenlagen ein vielfältiges Bundesland in Bezug auf die Klimabedingungen ist, wurde es vom LfU anhand der Temperatur und Niederschlagsbedingungen in insgesamt sieben Klimaregionen eingeteilt. Das Jahr 2024 war dabei nicht nur bayernweit, sondern auch in den bayerischen Klimaregionen das wärmste Jahr seit Messbeginn. Damit war 2024 (10,3 Grad) nach 2023 (10,1 Grad) das zweite Jahr mit einem Temperaturmittel über 10 Grad Celsius in Bayern. Die Sommerniederschläge sind im Zeitraum 1951 bis 2019 zum Beispiel um 13 Prozent zurückgegangen, Starkregen im Frühjahr im gleichen Zeitraum bis zu 30 Prozent intensiver geworden. Das LfU stellt aktuelle Klimaveränderungen auch anhand von sogenannten Klimastreifen dar, die deutlich den Anstieg der Jahresmitteltemperatur in den letzten Jahrzehnten zeigen. Hier geht es zu den aktuellen Klimastreifen, sortiert nach Regionen.

Was heißt das nun für die Landwirtschaft, insbesondere in den Regionen, die in Zukunft verstärkt mit Trockenheit zu kämpfen haben?

Doleschel: Für die Landwirtschaft geht es darum, die Bewirtschaftung der Böden in ihrer Ganzheit daraufhin zu optimieren, dass Wasser im Boden gehalten wird. Wir können die Winterniederschläge in begrenztem Umfang im Boden speichern. Viel hängt von der Güte des Bodens ab. Der ideale wasserspeichernde Boden ist Löß, weil dieser sowohl lehmige als auch sandige Bestandteile hat. Ein Kubikmeter Löß ist in der Lage, rund 20 Prozent seines Volumens an Wasser für die Pflanze zu speichern, also rund 200 Liter. Sandböden kommen hingegen nur auf etwa 80 Liter pro Kubikmeter. Es gibt Regionen etwa in den USA, wo die Pflanzen in der Vegetationszeit nur mit dem Wasser auskommen müssen, das im Boden ist. Trotzdem ist eine Bewirtschaftung möglich. Dry Farming heißt das. Wenn zu wenig Wasser im Boden ist, wird eine Saison lang auf die Bewirtschaftung verzichtet, bis sich die Vorräte im Boden durch die Winterniederschläge wieder aufgefüllt haben.

Wie können die Landwirtinnen und Landwirte dafür sorgen, dass ihre Äcker möglichst viel Wasser speichern können?

Doleschel: Dafür bietet sich eine ganzjährige Bedeckung an, entweder durch Pflanzenbewuchs oder zum Beispiel durch Mulch. Das reduziert die Verdunstung durch Wind und Sonne und verhindert – noch viel wichtiger – Bodenerosion. Denn höhere Temperaturen bedeuten auch, dass die Atmosphäre mehr Energie in Form von Wasserdampf speichern kann, die dann teilweise sehr kleinräumig wieder abgegeben wird. Die Folgen kennen wir: Lokale Gewitterzellen bringen Starkregen, Hagel und Sturm, die punktuell sehr große Schäden verursachen können. Denken Sie an die Flutkatastrophe Anfang Juni 2016 in Simbach. Verantwortlich dafür war eine einzige Gewitterzelle. Die Flutwelle hat Simbach zerstört, während es rundherum kaum Schäden gab. Besonders schlimm waren die enormen Mengen an Schlamm von den Feldern, die das Wasser mit sich geführt hat. Abgeschwemmte Böden sind jedoch nicht nur ein Problem für überflutete Dörfer und Städte, sondern viel mehr noch für die Landwirtschaft selbst. Die Landwirte verlieren wertvollen Boden, der für die Speicherung von Wasser so wichtig ist. Fehlt dieser Boden, dann läuft später noch mehr Wasser oberflächlich ab und versickert nicht mehr an Ort und Stelle.

Weniger Regen, mehr Hitzetage in der Mainregion

Die sieben bayerischen Klimaregionen sind unterschiedlich vom Klimawandel betroffen. Das zeigen die Klimadaten des Landesamts für Umwelt (LfU). So sank der Sommerniederschlag in der Mainregion seit 1951 bereits um 16 Prozent. Gleichzeitig stieg die Anzahl der Hitzetage mit Tageshöchsttemperaturen von über 30 Grad um zehn Tage pro Jahr. Die Mainregion ist die trockenste und wärmste Klimaregion in Bayern. Dort beobachtete das LfU auch einen deutlichen Rückgang der Eistage um 14 Tagen pro Jahr. Zahlreiche weitere regional aufgelöste Kennwerte (geordnet nach Klimaregionen bis zur Landkreisebene) stellt das LfU im Bayerischen Klimainformationssystem zur Verfügung.

Welche Kulturen sind besonders anfällig für Bodenerosion?

Doleschel: Das sind besonders Kulturen wie der Mais und die Zuckerrübe, die langsam wachsen und deshalb lange brauchen, bis sie den Boden ganz bedecken. Bis die Pflanze den Boden ganz bedeckt, ist die Gefahr für Abschwemmungen besonders hoch. Das kann teilweise bis in den Juli hinein der Fall sein. Mit einer Mulchschicht am Boden lässt sich dieses Risiko reduzieren. Das Beste wäre, den Mais direkt in eine vorhandene Bewuchsschicht hinein zu säen, das nennt man Direktsaat. Allerdings müssen die Landwirte bei dieser Technik noch Abstriche beim Ertrag hinnehmen. Es gibt auch eine Technik, in vorhandenem Bewuchs mit rotierenden Werkzeugen nur schmale Streifen zu bearbeiten, in die dann der Mais oder eine andere Kultur gesät wird. Bisher ist es in der Regel noch so, dass vor der Saat der Boden flächig bearbeitet wird, um sämtliche Beikräuter zu entfernen und so für die Kulturpflanze jegliche Konkurrenz auszuschalten. Hier gibt es noch viel Raum für Entwicklung.
 

Welche Rolle spielt die Auswahl der Fruchtfolge bei der Verhinderung von Bodenerosion?

Doleschel: Wenn die Landwirte ihre Fruchtfolgen stärker variieren, dann haben es notorische und auch schwer bekämpfbare Ungräser schwerer, sich auf dem Acker festzusetzen. Eine vielseitige Fruchtfolge mit verschiedenen Zwischenfrüchten kann auch dazu beitragen, den Boden möglichst ganzjährig bedeckt und das Wasser im Boden zu halten. So tragen die Landwirte zur Grundwasserneubildung bei. Das ist besonders in Nordbayern wichtig. Außerdem trägt der ganzjährige Bewuchs dazu bei, den Humusgehalt des Ackers zu stabilisieren. Erosionsschutz verhindert übrigens nicht nur die Abschwemmung wertvollen Mutterbodens, sondern er reduziert auch Nährstoffverluste. In der Folge müssen die Landwirte weniger düngen. Davon profitiert das Klima, denn die Herstellung von synthetischen Düngemitteln ist mit einem hohen Ausstoß an Treibhausgasen verbunden.

Klimawandel in Zukunft: Im schlimmsten Fall 4,8 Grad mehr

Der Klimawandel in Bayern wird sich nach Einschätzung des Landesamts für Umwelt (LfU) weiter fortsetzen oder verstärken. Wie stark, hängt von der weiteren Entwicklung des Klimaschutzes ab. In einem Szenario ohne Klimaschutz wird die Jahresmitteltemperatur bis Ende des Jahrhunderts um bis zu 4,8 Grad Celsius gegenüber den Jahren 1971 bis 2000 ansteigen, bei Einhaltung des Pariser Klimaabkommens lässt sich dieser Anstieg auf bis zu 1,6 Grad beschränken. Diese weitere Erwärmung würde einhergehen mit einem Anstieg der Hitzetage, einem Anstieg der Tropennächte sowie einer Abnahme der Eistage. Beim Niederschlag zeigt sich für die Zukunft eine Umverteilung der saisonalen Niederschläge in Form einer weiteren Abnahme der Sommerniederschläge (bis zu minus 25 Prozent bis Ende des Jahrhunderts) und eine Zunahme der Winterniederschläge. Starkniederschläge, die überall auftreten können, werden an Häufigkeit und Intensität zunehmen, zum Beispiel mit bis zu drei Tagen mehr mit Starkniederschlägen (über 30 Liter pro Quadratmeter) in der Alpenregion. Gleichzeitig werden auch Trockenperioden aufgrund steigender Verdunstung und sich verändernder Niederschläge länger und häufiger auftreten. Die regionalen Veränderungen des Klimas in der Zukunft können im „Klimatool der Zukunft“ im Bayerischen Klimainformationssystem betrachtet werden.

Welche Aufgaben können zum Beispiel Hecken übernehmen, um die Folgen des Klimawandels in der Landwirtschaft abzumildern?

Doleschel: Hecken können sehr vielfältig wirken. Sie haben einen hohen ökologischen Wert als Biotopvernetzer. Wenn sie in der richtigen Richtung angelegt sind, bieten sie Windschutz und reduzieren damit Erosion und Verdunstung. Hecken speichern CO2 und erhöhen in ihrem Wuchsbereich den Humusgehalt im Boden. Vor allem in ausgeräumten Fluren wie in Teilen Unterfrankens können Hecken für die Landwirtschaft nützlich sein und die negativen Effekte des Klimawandels abmildern. Auf der anderen Seite benötigen sie selbst Fläche und beschatten die angrenzenden Äcker. Außerdem wären Landwirte bei der Neuanlage von Hecken unterschiedlich stark betroffen, weil sie zum Beispiel in unterschiedlichem Maß Flächen abgeben müssten. Es bräuchte also einen Mechanismus, der solche Dinge ausgleicht, damit alle den gleichen Nutzen haben.
 

Sehen Sie andere Alternativen?

Doleschel: Was in Deutschland und Europa tatsächlich diskutiert wird, ist Agroforstwirtschaft, also die Verbindung von Acker- und Forstkulturen. Dabei geht es um Baumreihen im Wechsel mit Ackerstreifen, die breit genug für eine maschinelle Bearbeitung sind. Die Baumreihen bieten Windschutz und bremsen die Verdunstung. Sie könnten durch die Windreduktion sogar zur verstärkten Taubildung beitragen. Das gilt auch für Hecken. Dann wäre es möglich, Wasser zu „ernten“. Das funktioniert jedoch in Küstennähe besser als im Binnenland. Zudem muss sich Agroforst erst einmal rentieren, denn selbst bei schnell wachsenden Hölzern dauert es mindestens zehn Jahre, bis sie geerntet werden können und Ertrag bringen. Von daher bin ich skeptisch, ob sich solche Konzepte durchsetzen werden. Zudem ist Winderosion in Bayern nur in wenigen Regionen tatsächlich ein Thema.

Lassen Sie uns über die ökonomischen Folgen für die Landwirtschaft sprechen, die der Klimawandel mit sich bringt. Mit welchem Mehraufwand müssen Landwirtinnen und Landwirte rechnen?

Doleschel: Wir haben an der Landesanstalt für Landwirtschaft Ökonomen, die solche Berechnungen anstellen. Außerdem bieten wir auf der Webseite des Bayerischen Landwirtschaftsministeriums verschiedene Rechenprogramme an, mit denen sich der Deckungsbeitrag verschiedener landwirtschaftlicher Produktionsverfahren berechnen lässt. Beim LfL Klima-Check Landwirtschaft fließt auch die Treibhausgasbilanz im Betrieb in die Berechnung mit ein. Was sich jedoch sagen lässt: Der Klimawandel kostet die Landwirtschaft Geld. Für jeden zusätzlichen Arbeitsgang auf dem Feld fallen im besten Fall rund 50 Euro pro Hektar an, bei aufwendigeren Arbeitsgängen sind es schnell bis zu 150 Euro pro Hektar und mehr. Auch das Saatgut für jede zusätzliche Zwischenfrucht muss der Landwirt bezahlen, ohne dass er dadurch zusätzlichen Ertrag erwirtschaftet. Wenn wir von Bewässerung sprechen, sind die Kosten noch viel höher. Es geht hier in erster Linie um Tröpfchenbewässerung, denn andere Formen werden in der Regel von den Behörden nicht mehr genehmigt. Hier sind wir allein für die Technik bei Kosten von 1.000 Euro und mehr pro Hektar, die Jahr für Jahr abgeschrieben werden müssen. Die zugrundeliegenden Investitionen müssen die Landwirte erst einmal durch einen entsprechenden zusätzlichen Ertrag wieder hereinwirtschaften. Das braucht seine Zeit, denn die Umsatzrenditen in der Landwirtschaft sind erfahrungsgemäß eher niedrig. Deshalb dauert es mitunter auch sehr lange, bis die Landwirtschaft Maßnahmen zum Klimaschutz umsetzt. Es fehlt einfach das Geld dazu. Leider muss man feststellen, dass durch den Klimawandel eher die Kreditwürdigkeit der Landwirte leidet, als dass es zusätzliches Geld für Investitionen in den Klimaschutz gibt, obwohl davon alle profitieren würden.
 

Sehen Sie die Möglichkeit, dass der Mehraufwand bei der Bewirtschaftung zur Bewältigung des Klimawandels auf bestimmten Flächen irgendwann nicht mehr darstellbar ist?

Doleschel: Es gibt sicher Flächen, wo Ackerbau nach meiner persönlichen Meinung perspektivisch nicht mehr sinnvoll ist. Das sind insbesondere Flächen in steilen Hanglagen, die sich weder mit einem vertretbaren Aufwand bearbeiten lassen noch ein vernünftiger Erosionsschutz möglich ist. In Zukunft kann es zielführender sein, solche Flächen in extensiv genutztes Grünland umzuwandeln. Wenn man so eine Wiese einmal im Jahr mäht und das Mähgut entfernt, erhält man auf Dauer eine ökologisch wertvolle Fläche mit einer stabilen Grasnarbe, die seltenen Pflanzen und Tieren eine Heimat bietet und den Boden schützt. Der Ertrag geht jedoch gegen null, selbst wenn man das Mähgut als Heu verkaufen kann. Deshalb wird die Pflege solcher Flächen gefördert. Meiner Meinung nach werden wir die landwirtschaftlichen Förderprogramme in Zukunft noch gezielter auf den Klimaschutz ausrichten müssen, um die Landwirtschaft mit der Bewältigung des Klimawandels und dem Erhalt unserer landwirtschaftlich geprägten Heimat nicht zu überfordern.

Kann sich die Landwirtschaft mit neuen Kulturen, die mit einem wärmeren Klima zurechtkommen, vielleicht neue Märkte erschließen?

Doleschel: Also Zitrusfrüchte aus Bayern nach dem Vorbild der berühmten Zitronengärten am Gardasee sehe ich eher nicht. Es gibt aber wärmeliebende Kulturen, die mittlerweile auch in manchen Regionen Bayerns heimisch geworden sind. Dazu gehören Soja und andere Hülsenfrüchte. Auch Kürbisse und Melonen finden sich mittlerweile auf unseren Feldern. Früher wäre kein Mensch auf die Idee gekommen, so etwas bei uns im Freiland anzubauen. Der Klimawandel bringt aber leider keine Besserung beim Risiko für Spätfröste, die neue wie angestammte Kulturen limitieren. Obwohl sich das Klima allgemein erwärmt, werden wir auch in Zukunft mit Frostnächten bis in den Sommer hinein rechnen müssen.
 

Warum das?

Doleschel: Wolken halten die Wärme auf der Erde. Weil eine wärmere Atmosphäre mehr Wasserdampf aufnehmen kann, bilden sich weniger Wolken, die Wärme strahlt nachts in den Weltraum ab. Deswegen sind sternklare Nächte auch so kalt. Wir haben das in den vergangenen Monaten erlebt. Tagsüber war es bereits angenehm warm, aber die Nächte waren bitterkalt. Das ist für die Landwirtschaft vor allem im Frühling ein Problem, wenn die Pflanzen noch jung sind und empfindlich auf Frost reagieren. Welche Schäden Spätfröste anrichten können, hat man in den vergangenen Jahren im Obstbau gesehen. In Franken ist vergangenes Jahr sehr viel Wein erfroren. Aber auch Jungpflanzen von Mais und Rüben können bei Frost erfrieren. Neue Kulturpflanzen sind da nicht ausgenommen. Die wärmeliebende Kichererbse hat sich auf manchen Südhängen schon etabliert, aber auf Nordhängen wird sie bei uns auch in Zukunft ihre Probleme haben. Abgesehen davon, dass sie dort auch gerne fault, wenn es zu nass ist. In höheren Lagen, etwa im Fichtelgebirge, hieß es schon früher, der August sei der einzige frostsichere Monat im Jahr. Mit solchen Szenarien müssen wir in Zukunft auch in anderen Regionen rechnen.

Welche Szenarien bereiten Ihnen noch Sorge?

Doleschel: Der Klimawandel bringt auch neue Schädlinge und Pflanzenkrankheiten nach Bayern, darauf muss sich die Landwirtschaft einstellen. Ein Beispiel ist das „Syndrom der niedrigen Zuckergehalte“, französisch „Syndrome Basses Richesses“ oder kurz SBR. Ausgelöst wird die Krankheit von einem bakterienähnlichen Erreger, einem Proteobakterium mit dem Namen Candidatus Arsenophonus phytopathogenicus. Dieses SBR-Proteobakterium kommt meist zusammen mit dem Stolbur-Erreger, einem Phytoplasma namens Candidatus Phytoplasma solani. Bei der Zuckerrübe führt der Erregerkomplex zur Gummirübe und bei der Kartoffel zur Gummiknolle. Der Schaden kann bis zum Totalausfall der Ernte führen. Übertragen werden diese Erreger von der Schilf-Glasflügelzikade, die einen Wirtswechsel vollzogen hat. Diese Zikadenart legt ihre Eier im Ackerboden ab. Die geschlüpften Nymphen saugen dann unterirdisch an den Wurzeln der Wirtspflanzen und infizieren diese so mit dem Erreger. Auf diese Weise werden in kürzester Zeit ganze Felder befallen, zumal der Klimawandel eine hohe Reproduktionsrate dieser Art begünstigt, bis zu drei Generationen pro Jahr. In der Schweiz wurde kürzlich ein Käfer aus Japan entdeckt, der ebenfalls das Potenzial hat, ganze Felder kahl zu fressen. Wenn es keine Lösung für solche neuen Schädlinge gibt, könnte das für die Landwirtschaft dramatisch werden.
 

Das klingt tatsächlich dramatisch. Gibt es auch Anlass zur Hoffnung, dass die Landwirtschaft gut mit dem Klimawandel zurechtkommt?

Doleschel: Was niemals schläft, ist die Pflanzenzüchtung. In früheren Jahren sorgte der Zuchtfortschritt regelmäßig für beträchtliche Mehrerträge. Das steht jetzt nicht mehr so im Fokus, aber die Zuchterfolge in Sachen Widerstandsfähigkeit gegen Schädlinge und Trockenheit stehen den früheren Erfolgen in nichts nach. Krankheiten wie das oben erwähnte Syndrom der niedrigen Zuckergehalte werden am Ende nur mit neuen Züchtungen eingedämmt werden können. Die Landwirtschaft ist gehalten, solche Züchtungen auch einzusetzen und nicht immer nur auf die altbewährten Sorten zu setzen. Auch bei neuen Kulturen gibt es Veränderungen, wir haben es schon angesprochen. Es gibt sogenannte C4-Pflanzen, die in der Photosynthese einen anderen Weg nutzen, um Kohlenstoffdioxid in Kohlenhydrate umzuwandeln. Dazu gehören Mais, Amaranth, Quinoa und auch Hirse. Diese C4-Pflanzen können besser mit Wasser umgehen. Die Landesanstalt für Landwirtschaft macht zum Beispiel Versuche mit Hirse, um herauszubekommen, welche Sorten und welche Bewirtschaftungsmethoden sich für einen Anbau in Bayern eignen. Hirse ist zudem glutenfrei. Wenn sie für Speisezwecke angebaut wird, ist eine hohe Wertschöpfung zu erwarten. Auch die landwirtschaftlichen Maschinen werden immer besser. Das alles macht Hoffnung.

Welche Fortschritte erkennen Sie bei den landwirtschaftlichen Maschinen?

Doleschel: Hier steckt der Fortschritt oft im Detail. Äußerlich mögen sich zwei Maschinen verschiedener Hersteller, die für den gleichen Zweck gebaut wurden, sehr ähnlich sehen, trotzdem kann man sie oft kaum miteinander vergleichen. Beim Säen kommt es zum Beispiel darauf an, wie gleichmäßig das Saatgut verteilt wird, in welcher Tiefe das Saatkorn abgelegt wird und wie gut es mit Erde bedeckt wird. Wenn sogenannte Lichtkeimer zu tief in der Erde stecken, gehen sie nicht auf. Genauso ist das bei der Düngergabe. Beim Mais hat sich die Unterfußdüngung durchgesetzt, die Düngergabe wird also unterhalb des Saatkorns platziert. Eine deutsche Landtechnikfirma hat nun eine Sämaschine entwickelt, die in der Lage ist, den Dünger exakt in einer idealen Position unter dem Korn zu platzieren. So kann die Pflanze den Dünger besser erschließen und der Landwirt muss für den gleichen Wuchserfolg nicht so viel Dünger aufwenden. Das mag vielleicht nach wenig klingen, aber in der Summe helfen uns auch kleine Innovationen, dem Klimawandel in der Landwirtschaft zu begegnen.
 

Wir haben nun ausführlich über die Auswirkungen des Klimawandels auf die Landwirtschaft in Bayern gesprochen und welche Möglichkeiten es gibt, diesen Folgen zu begegnen. Wenn Sie alles abwägen, wie bewerten Sie dann die Zukunft der Landwirtschaft in Bayern?

Doleschel: Die Landwirtschaft in unseren Breiten hat auf jeden Fall Zukunft. Das schlimmste Szenario des Klimawandels ohne jegliche Gegenmaßnahmen geht für Bayern gegenüber dem langjährigen Durchschnitt von einer Temperaturerhöhung um sechs Grad bis zum Ende des Jahrhunderts aus. Auch in Regionen, wo bereits heute solche Temperaturen erreicht werden, gibt es Landwirtschaft. Neue, wärmeliebende Sorten, die bisher woanders angebaut wurden, werden eine neue Vielfalt bringen und damit auch Absatzchancen für die Landwirte. Und: Wir haben eine tolle Pflanzenzüchtung, die den erfolgreichen Anbau neuer Arten unterstützen kann. Aber niemand kann abschätzen, wie lange die Anpassungsprozesse dauern werden, welche Kosten dafür anfallen, und wie unsere Landschaft in Zukunft aussehen wird. Vielleicht sehen wir schon bald im Gäuboden oder auf den Gäuplatten im Maindreieck großflächige Heckenstreifen, und die Landwirte werden dafür bezahlt, dass diese Hecken CO2 speichern. Wir müssen innovativ bleiben und bereit sein, den Wandel zu gestalten. Wenn wir das schaffen, dann bin ich mir sicher: Die Landwirtschaft wird bleiben.


Herr Dr. Doleschel, herzlichen Dank für das Interview!
 

Dr. Peter Doleschel ist Leiter des Instituts für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung an der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) in Freising.

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