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Die Investitionsschwäche in Deutschland hält an, auch in der Landwirtschaft. Als Geschäftsführender Direktor der Milchwerke Oberfranken West kann Ludwig Weiß über die Investitionszurückhaltung der Milchbäuerinnen und Milchbauern sprechen. Mehr als 700 Milcherzeuger aus Oberfranken, Unterfranken und Thüringen gehören zu der Genossenschaft, die ihren Hauptsitz in Meeder bei Coburg hat. Die Milchwerke Oberfranken West verarbeiten die Milch zu hochwertigen Käseprodukten.

Weiß kennt die Rahmenbedingungen in der Milchwirtschaft: „Wollen die Milchbauern eine höhere Investition tätigen, müsste dafür der Milchpreis steigen“, sagt der Geschäftsführende Direktor. Doch die Frage sei, ob der Staat steigende Preise für Lebensmittel überhaupt zulassen würde. „Meiner Meinung nach sollte der Milchpreis deutlich steigen“, ist Weiß überzeugt. „Über den Produktpreis am Regal müsste der Milchpreis, den der Milcherzeuger benötigt, erwirtschaftet werden, dann wären auch keine Subventionen in die Landwirtschaft mehr erforderlich.“

Doch dazu bedarf es eines Sinneswandels bei den Verbraucherinnen und Verbraucher, fährt Weiß fort. „Ein Handy kostet auch eine Menge Geld und wird dennoch gekauft, weil der Käufer überzeugt ist, dieses dringend zu brauchen. Dabei sind es Lebensmittel, die der Mensch zum Leben braucht.“ Um die Landwirtschaft langfristig zu unterstützen, müsste der Stellenwert der Nahrungsmittel deutlich höher angesiedelt sein. „Als Genossenschaft versuchen wir, für einen höheren Stellenwert der Nahrungsmittel und somit auch der Landwirtschaft zu werben, ob diese Kraft durchschlagend ist, bleibt dahingestellt“, sagt Weiß.

Milchwerke Oberfranken West

Ludwig Weiß hat vergangenes Jahr sein 25-jähriges Jubiläum als Geschäftsführender Direktor der Milchwerke Oberfranken West gefeiert. 540.000 Tonnen Milch, davon 82.000 Tonnen von bio-zertifizierten Höfen, verarbeiten die Milchwerke zu Käse – ob zu Weich-, Hart- oder Schnittkäse. Die 1927 gegründete Genossenschaft zählt mittlerweile circa 700 Milcherzeuger aus Oberfranken, Unterfranken und Thüringen zu ihren Mitgliedern.

Investition in eine neue Weichkäserei

Die Milchwerke Oberfranken West haben investiert. Im Juni 2025 wird die Genossenschaft eine neue Weichkäserei eröffnen. „Wir mussten uns entscheiden, ob wir uns vom Weichkäse verabschieden oder neu investieren wollen“, sagt Weiß. „Unser Zweitbetrieb war in die Jahre gekommen, wir mussten reagieren. Nun ist der Neubau fast fertig und wir gehen im Sommer 2025 in Betrieb.“ Diese Investition zu tätigen, stand für den Geschäftsführenden Direktor nicht zur Diskussion. „Ich bin froh, diesen Schritt gewagt zu haben, allein um weiter genügend Arbeitskräfte zu haben.“ Eine moderne Produktionsstätte spart Personal ein und macht den Arbeitsplatz attraktiver.

Auch in der Landwirtschaft sei der Arbeits- und Fachkräftemangel Thema. Die Milchwerke Oberfranken West sieht ihr Geschäftsführender Direktor indes gut aufgestellt. „Aktuell haben wir genügend Mitarbeitende und Fachkräfte“, sagt er. „Uns kommt zugute, dass wir in der Vergangenheit gut ausgebildet haben. Außerdem ist das Lohnniveau in der bayerischen Milchwirtschaft hoch, das Einkommen gut.“

Doch Weiß ist sich dessen bewusst, dass es den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern um weit mehr als um einen guten Verdienst geht. „Als landwirtschaftlicher Arbeitgeber sollten wir Anreize schaffen. Bei uns müssen daher Mütter, deren Kinder unter acht Jahre alt sind, nur Tagesschichten übernehmen und nicht Spät- oder Nachtschichten. Ebenso ist es uns wichtig, Frauen nach ihrer Elternzeit wieder gut einzubinden, damit sie rasch zurückkommen wollen und nicht Jahre vergehen, bis sie dies wieder in Erwägung ziehen. „Klar, es ist eine Herausforderung, die Spät- und Nachtschichten abzudecken. Doch bisher konnten wir auch das gut organisieren.“

Milchwirtschaft in Bayern

Der umsatzstärkste Sektor der Land- und Ernährungswirtschaft in Deutschland ist die Milchwirtschaft. Neben Niedersachsen ist Bayern Hochburg der Milchproduktion. Milchbäuerinnen und Milchbauern stehen allerdings seit Jahren unter Druck. Besonders für kleinere Betriebe ist die Milcherzeugung kaum rentabel. Die Erzeugerpreise schwanken, für Milchviehhalterinnen und Milchviehhalter ist es eine Herausforderung, kostendeckend zu arbeiten. Eine Integration in ein genossenschaftliches System lohnt sich daher für Erzeugerbetriebe. Im Jahr 2023 wurde in Bayern erzeugte Milch, so die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft, zu 983.415 Tonnen Käse verarbeitet. Die Milchwerke Oberfranken West haben im Jahr 2023 rund 59.000 Tonnen Käsespezialitäten produziert.

Eine Investition in eine moderne Produktionsstätte zahlt sich für die Genossenschaft aus, um Kosten zu reduzieren: „Für uns ist es wichtig, dass die Produktion effizient und kostengünstig abläuft, um die Mehrkosten auf Energieebene zu tragen“, erklärt Weiß. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs kämpfen die Milchwerke Oberfranken West wie alle anderen Unternehmen mit massiv gestiegenen Energiekosten. „Diese fallen für uns dreimal so hoch aus als vor Beginn der Ukraine-Krise. Wir können die Kosten zwar stemmen, doch natürlich wäre es gut, wenn die Energiekosten wieder auf das alte Niveau zurückgehen würden. Das indes wird es vermutlich auch wegen der hinzugekommenen C02-Abgabe nicht mehr geben.“

Die Kosten steigen in jedem Bereich: „Wir haben hohe Energie- und Lohnkosten, dann kommen die hohen Abwasserkosten hinzu. Alles wird immer nur teurer. In unserem Fall denke ich auch an die Verpackungsmaterialien oder die Frachten“, klagt Weiß. So zeigt sich der Geschäftsführer der Milchwerke Oberfranken Weist auch skeptisch den jüngsten Überlegungen gegenüber, eine weitere Art von Biomilch-produkten einzuführen.

Hintergrund der Überlegungen: Die Weidepflicht gemäß der EU-Ökoverordnung wird für Biomilchbauern verpflichtend. Die EU duldet ab nächstem Jahr keine Ausnahmen mehr. Wer die Weidevorgaben nicht umsetzen kann, wird aus dem Ökolandbau hinausgedrängt. So kommt von Einzelnen aus der Milchbranche der Vorschlag, zwei Arten von Biomilch zu kennzeichnen: Biomilch von im Stall gehaltenen Kühen und Weidebiomilch. Weiß hält von dieser Idee wenig: „Wenn ich eine weitere Kategorie einführe, wird die Stückanzahl einer Kategorie geringer und somit werden die Stückkosten teurer. Wer soll denn das alles bezahlen? Der Verbraucher greift erfahrungsgemäß auf günstige Produkte zurück, der Erzeuger aber braucht mehr Geld. Somit wäre diese Veränderung kontraproduktiv.“

Der Generationenwechsel bereitet Sorgen

Weiß fallen dringendere Probleme ein, die es zu lösen gilt. Wie in vielen anderen Branchen sorgen sich auch die Akteure in der Milchwirtschaft um den Generationenwechsel. „Bei den Milchbäuerinnen und Milchbauern ist es wie bei so vielen landwirtschaftlichen Betrieben: Es fehlt die nächste Generation, da viele so nicht mehr weitermachen wollen“, sagt Weiß. Landwirtinnen und Landwirten haben für ihre Betriebe keine Planungssicherheit.  „Es ist für sie unberechenbar, was die Politik als Nächstes vorhat und welche weiteren Auflagen ihnen aufgehalst werden. Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass viele vor allem wegen der ganzen Bürokratie die Lust am Weitermachen verlieren.“

Die Genossenschaft Milchwerke Oberfranken West bemüht sich daher, für ihre Mitglieder bürokratische Prozesse zu reduzieren: „Wir versuchen, unsere Lieferanten mit möglichst wenig Bürokratie zu belasten. Wir haben zum Beispiel das Projekt CO2-Abdruck mit geeigneten Konzepten so gestaltet, dass das Ausfüllen des Moduls für unsere Milchlieferanten möglichst wenig Zeit in Anspruch nimmt.“

Daten zum CO2-Fußabdruck

Im Projekt „CO2-Fußabdruck Milch und Rindfleisch in Bayern" wird für bayerische Milchviehbetriebe der CO2-Fußabdruck pro Kilogramm Milch berechnet. Dabei wird der Beitrag der Milchviehhaltung zur Produktion von Rindfleisch berücksichtigt, indem die entstehenden Treibhausgas-Emissionen auf die Koppelprodukte Milch und Rindfleisch aufgeteilt werden.

Das Projekt liefert eine Status-quo-Analyse, welche Wirkung unterschiedliche Betriebstypen in verschiedenen Regionen Bayerns auf das Klima haben. Die detaillierte Aufschlüsselung kann wichtige Hebel für eine Reduktion der Treibhausgas-Emissionen in der bayerischen Milchviehhaltung sichtbar machen. Dadurch können sowohl auf einzelbetrieblicher als auch auf agrarpolitischer Ebene Handlungsoptionen aufgezeigt werden.

Die Genossenschaft als verlässlicher Partner

Ob auf ihren Versammlungen oder in Beratungsgesprächen – die Genossenschaft federt möglichst viel ab. „Unsere Erzeugerberater unterstützen, wenn es zum Beispiel Probleme bei der Milchqualität oder bei den Inhaltsstoffen gibt“, sagt Weiß. Ebenso rücken sie bei den Lieferanten-Versammlungen, auch im Hinblick auf den Generationenwechsel, positive Themen in den Vordergrund. „Für uns ist es beruhigend, dass vegane Produkte keinen hohen Marktanteil einnehmen. Der Anteil veganer Produkte im Käsesektor ist verschwindend gering, das stellt für viele Landwirtinnen und Landwirte eine große Erleichterung dar.“

„Als Genossenschaft sind wir für unsere Milchbauern als verlässlicher Milchabnehmer und Milchverarbeiter wichtig.“

Ludwig Weiß, Geschäftsführender Direktor der Milchwerke Oberfranken West

Überdies gehen die Milchwerke Oberfranken West mit der Zeit: „Wir als Molkerei stellen innovative und trendgerechte Produkte her. So können wir einen guten Milchpreis erwirtschaften und sind als Genossenschaft für unsere Milchbauern als verlässlicher Milchabnehmer und Milchverarbeiter wichtig. Ich sage immer, bei uns werden die Lieferanten noch ,gestreichelt‘.“

Doch so sehr die Genossenschaft ihre Mitglieder bei bürokratischen Belastungen unterstützt, der Geschäftsführer erhofft sich von der neuen Bundesregierung deutliche Signale, wie die Bürokratie in der Landwirtschaft abgebaut werden kann. „Ebenso bräuchten wir in ganz Europa die gleichen Rahmenbedingungen in der Produktion. Wir als Deutsche dürfen nicht immer die Vorreiter sein, bei der Bürokratie immer noch eines draufsetzen, während andere Länder einfach wie gewohnt weitermachen“, klagt Weiß.

Mehr Flexibilität wäre hilfreich, vor allem im Krisenfall. „Ein besseres Krisenmanagement wäre vonnöten, wie uns auch der jüngste Maul- und Klauenseuche-Fall im Januar 2025 gezeigt hat, der gleich extreme Auswirkungen hatte. Als Käserei haben wir sehr viel Molke, die weiterverarbeitet werden muss. Und wenn in solch einem Fall in Drittländer nichts exportiert werden kann, dann fehlt vor allem auch die Liquidität.“ Weiß mag sich die Auswirkungen nicht ausmalen, wäre noch ein weiterer Fall aufgetaucht. Gezeigt habe der MKS-Ausbruch, dass es anderer Lösungen bedarf, hebt Weiß hervor: „Wenn der Absatz fehlt, haut es die Betriebe reihenweise um. Und ebenso fehlen uns in so einem Fall die Lagerkapazitäten für die Produkte.“

Es gäbe derzeit so viele politische Unsicherheitsfaktoren, die landwirtschaftliche Betriebe hemmen, zu investieren. So hofft Weiß national auf positive Signale für die Landwirtschaft. „Ich habe im Moment ein besseres Gefühl und sehe im Regierungswechsel die Chance, dass die Landwirtschaft wieder einen höheren Stellenwert bekommt.“

Seit 70 Jahren als Genossenschaft an der Mainschleife

Seit den 1950er-Jahren gibt es die Winzergenossenschaft Divino in Nordheim. An der Mainschleife und in den Lagen um Thüngersheim befindet sich heute auf gut 320 Hektar die Kultur- und Anbaufläche der 284 Winzer, die zu der fränkischen Genossenschaft gehören. Seit Jahrzehnten fördert die Winzergenossenschaft den Erhalt regionaler Strukturen und setzt sich für die Wertschöpfung in der Region ein. Seit April 2022 ist Gerald Wüst Geschäftsführer von Divino.

Wie alle anderen Akteure in der Landwirtschaft muss sich Divino auf die durch den Klimawandel bedingten Veränderungen einstellen und auf Frost, Hitze, Regen und Trockenheit reagieren. „In den vergangenen Jahren hatten wir immer mal wieder Trockenperioden, die uns haben zittern lassen, dass die Ernte kaputt geht. Allerdings ist die Weinrebe eine Pflanze, die bis zu zehn Meter tief wurzelt und sich aus tieferen Schichten ihr Wasser holt. Erst eine längere Trockenperiode von mehreren Monaten wäre für die Ernte kritisch“, sagt Divino-Geschäftsführer Wüst und erwähnt Bewässerungsprojekte, die in der Region möglich wären. Auf dem Weinberg könnte ein künstlicher See angelegt werden. Im Winter würde aus dem Main, wenn er viel Wasser führt, Wasser hochgepumpt werden. Noch aber ist es nicht so weit.

Kritisch an der Klimaveränderung sei für die Weinbranche überdies, dass die Pflanzen, wenn es bereits im Februar oder März zu warm ist, anfangen zu treiben. „Und dann gibt es Ende April häufig noch mal Frost, so dass die jungen Triebe erfrieren. Das führt in der Folge zu erheblichen Ernteausfällen“, sagt Wüst.

Divino, der zweitgrößte Weinbaubetrieb an der Mainschleife

In den 1950er-Jahren wurde die Winzergenossenschaft in Nordheim am Main gegründet, 2012 kam die Genossenschaft von Thüngersheim hinzu. Somit ist Divino mit 284 Winzerinnen und Winzern und 75 Beschäftigten der zweitgrößte Weinbaubetrieb in der Region. Winzerinnen und Winzer arbeiten nach strengen Qualitätskriterien im Weinberg. So wird sichergestellt, dass jede Parzelle individuell betreut wird – je nachdem, für welches Sortiment die jeweiligen Trauben bestimmt sind. Im Keller der Winzergenossenschaft kümmert sich ein Expertenteam um die Reife im Barrique, Holzfass oder Edelstahltank. Die Genossenschaft übernimmt ebenfalls das Marketing und den Vertrieb, unter anderem in den beiden zu Divino gehörenden Vinotheken in Nordheim und Thüngersheim.

Anpassung an klimatisch bedingte Veränderungen

Weinbäuerinnen und Weinbauern müssen nicht nur damit rechnen, dass die Reben früher blühen. Sie stellen ebenso fest, dass steile Hänge mittlerweile eine echte Herausforderung sind: „Früher boten die steilen Lagen die besten Bedingungen. Wir haben gegenüber von uns den Escherndorfer Lump. Jahrzehntelang, gar jahrhundertelang, galt er als beste Lage Frankens. Es ist dort sehr steil und der Einfall des Sonnenlichts auf die Pflanze sehr intensiv. Die Steilhänge sind deshalb heute schon fast kontraproduktiv für die Qualität, zumindest was die des Weißweins angeht“, beobachtet Wüst. Da es in den Sommermonaten mittlerweile sehr heiß werden kann, sind die Bedingungen auf der Nordheimer Seite, was den Hitzestress betrifft, vorteilhafter.

Um zukunftsfähig zu bleiben, muss die Winzergenossenschaft reagieren. Eine Lösung könnte sein, sich künftig auf andere Rebsorten zu konzentrieren: „Zum Beispiel auf den Chardonnay, der eher in südlichen Ländern angebaut wird. Eine für uns klassische Sorte wie der Bacchus mag es mit der Klimaerwärmung in Franken zunehmend schwerer haben.“ Sollte sich das Sortenspektrum allerdings langfristig verschieben, so müssen die Verbraucherinnen und Verbraucher über Entwicklungen informiert werden. „Die Nachfrage ändert sich nicht automatisch, wir müssen für neue Produkte werben“, erklärt Wüst.

Die politische Herausforderung ist die größte

Das Klima stellt für Akteure in der Landwirtschaft allerdings nur eine Komponente mit großem Einfluss auf ihr Tun und ihre Zukunft dar. „Es gibt viele Herausforderungen in der Landwirtschaft. Ich würde trotzdem sagen, dass die größte Herausforderung die politische ist“, sagt der Geschäftsführer der Winzergenossenschaft und kommt auf die 15-Euro-Mindestlohn-Debatte zu sprechen. „Eine Erhöhung des Mindestlohns von derzeit 12,81 auf 15 Euro stellt für uns ein Problem dar. Nicht, weil ich den Mitarbeitenden 15 Euro pro Stunde nicht gönne. Ich habe einfach große Sorgen, dass damit die Landwirtschaft aus Deutschland vertrieben wird“, erläutert Wüst und ergänzt: „Wir – ob Spargel-, Erdbeer- oder Weinbauern – müssen konkurrenzfähig bleiben. Anders als Maschinenbauer zum Beispiel haben wir keinen innovativen Vorsprung aufgrund von Patenten. Im Supermarktregal stehen unsere Produkte neben denen aus anderen Ländern, die wesentlich günstiger produzieren und ihren Hilfskräften weniger Lohn gezahlt haben.“

„Wenn wir jetzt noch das Lohnniveau nach oben ziehen, lässt es sich für viele Unternehmen nur noch schwer rechtfertigen, hier in Deutschland zu produzieren.“

Gerald Wüst, Geschäftsführer der Winzergenossenschaft Divino

Deutsche Produkte aus der Landwirtschaft sind bereits jetzt teurer als Waren aus anderen Ländern. „Würde der Mindestlohn für Erntehelferinnen und Erntehelfer auf 15 Euro steigen, verschiebt sich das gesamte Lohngefüge in der Landwirtschaft nach oben, das heißt Festangestellte würden dementsprechend auch mehr verdienen wollen“, rechnet Wüst vor. „Einen höheren Mindestlohn zu zahlen, das müssten wir erst mal erwirtschaften.“ Doch es seien ja nicht nur die im Vergleich zu anderen Ländern hohen Lohnkosten, die den Alltag des Geschäftsführers prägen: „Wir haben die größten Auflagen, die größte Bürokratie in Deutschland und jetzt wollen wir noch das Lohniveau nach oben ziehen, so dass es sich für viele Unternehmen nur noch schwer rechtfertigen lässt, hier in Deutschland zu produzieren.“

Der Handel würde in seinen Regalen unter anderem Wein aus Spanien, Italien oder Südafrika anbieten. „Der schmeckt auch und ist wesentlich günstiger“, sagt Wüst und fügt hinzu: „Der deutsche Wein hat über die letzten Jahre hinweg nur noch einen Mengen-Anteil von 41 Prozent am deutschen Weinmarkt.“ Das sei laut Wüst vor allem dem hohen Preisniveau geschuldet.

Seiner Meinung nach sei daher dringend ein Umdenken seitens der Verbraucherinnen und Verbraucher erforderlich: „Wer ein Produkt zu einem gewissen Preis kauft, befürwortet auch das jeweilige System dahinter. Anders gesagt: Wer sich für ein landwirtschaftliches Produkt aus Deutschland entscheidet, unterstützt unsere Regeln, Werte und Auflagen. Bei einem ausländischen Produkt könnte es sein, dass Menschen ausgebeutet werden und ohne Rücksicht auf die Umwelt produziert wird.“ Kundinnen und Kunden dürften nicht immer nur denken: „Einzig der Preis zählt.“ Indem sie bereit seien, mehr für landwirtschaftliche erzeugte Produkte aus Deutschland zahlen, würden sie unterstreichen, dass für sie eine umweltschonende Produktion und nachhaltige Themen von Bedeutung sind.

„Jede einzelne Regel, die erlassen wird, macht für sich gesehen vermutlich Sinn. Nur die Vielzahl der Auflagen bringt uns Unternehmen in Schwierigkeiten.“

Gerald Wüst, Geschäftsführer der Winzergenosschaft Divino

Vorgaben umzusetzen, kostet Geld. Der Geschäftsführer zählt einige Beispiele auf, bei denen auf die Winzergenossenschaft Kosten zukommen. Ab der Ernte 2024 sind sie verpflichtet, auf ihren Flaschen Inhalte und Nährwerte anzugeben oder einen QR-Code abzubilden. Außerdem mussten sie E-Rechnungen einführen oder ihren Online-Shop barrierefrei gestalten. „Jede einzelne Regel, die erlassen wird, macht für sich gesehen vermutlich Sinn. Nur die Vielzahl der Auflagen bringt uns Unternehmen in Schwierigkeiten“, lautet Wüsts Fazit. „Bevor wir überhaupt eine Flasche Wein im Jahr verkaufen, haben wir schon mehrere 100.000 Euro an Kosten und Gebühren.“

Die Genossenschaft stellt sich auf die Erfüllung all dieser Auflagen ein. Doch Wüst denkt auch an den Einzelnen: „Leerstände in Dörfern beispielsweise bei Bäckereien oder Metzgereien ergeben sich aus den Auflagen, die es zu stemmen gilt.“ So erklärt sich auch die immer schwerer werdende Generationen-Nachfolge. „Würde sich die Arbeit im Weinberg für Winzerinnen und Winzer besser auszahlen, würden mehr Kinder auch weiter die Weinberge ihrer Familie bewirtschaften. „Als Genossenschaft versuchen wir daher stets, Kräfte zu bündeln und jeweils größere Flächen zu bearbeiten.“

Trotz aller Sorgen, die sich der Geschäftsführer der Winzergenossenschaft um die Landwirtschaft und in ihrem Fall den Weinbau in Deutschland macht, sieht er auch die Notwendigkeit, die Chancen in dieser Veränderung zu ergreifen. „Wir verschließen nicht die Augen. So bieten wir mittlerweile auch alkoholfreie und vegane Produkte an und haben eine neue Traubenabnahme und ein Kelterhaus für fünf Millionen Euro gebaut, damit wir eine höhere Qualität anbieten und auch das höhere Preisniveau rechtfertigen können“, sagt Wüst und nimmt erneut die Konsumenten in die Verantwortung, wenn es um die Sicherung der Wirtschaftlichkeit geht: „Mein Appell lautet, regional zu konsumieren, auch wenn die Supermarkt-Regale voller globaler Produkte sind. Doch damit Deutschland konkurrenzfähig bleibt, bedarf es einer Anpassung der Rahmenbedingungen in der Landwirtschaft.“

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