Digitalisierung: Deutschland muss 2025 mehr investieren. Als Digitalisierungspartner kommt der Atruvia laut ihren Vorständen Martin Beyer und Ulrich Coenen eine große Rolle zu.
Frau Messika, Atruvia arbeitet an einem neuen Betriebsmodell für die Volksbanken und Raiffeisenbanken. Was ist genau darunter zu verstehen?

Margit Messika von Atruvia leitet die Initiative „Neues Betriebsmodell“ (nBM). Foto: Atruvia
Margit Messika: Das neue Betriebsmodell ist die Antwort auf vielfältige Herausforderungen, vor denen die Volksbanken und Raiffeisenbanken stehen. Dazu leisten zahlreiche Akteure in der genossenschaftlichen Finanzgruppe ihren Beitrag, nicht nur Atruvia. Im Kern geht es darum, effiziente, automatisierte und fallabschließende Prozesse sowie Self-Service-Angebote zu entwickeln, die die Banken fit für die Zukunft machen. Denn mehr Effizienz ist ein wesentlicher Schlüssel zum Erfolg von morgen: Schätzungen zufolge sehen sich die Volksbanken und Raiffeisenbanken bis 2030 aufgrund des demografischen Wandels mit rund 30 Prozent Personalrückgang konfrontiert. Aufgrund seiner hohen Relevanz für die genossenschaftliche Finanzgruppe zählt das neue Betriebsmodell zu den Top-Initiativen des Bundesweiten Strategieportfolios (BSP).
„Das neue Betriebsmodell wird den Banken bis 2035 eine deutliche Effizienzsteigerung bringen.“
Was haben die Volks- und Raiffeisenbanken von dem neuen Betriebsmodell und wie profitieren die Kundinnen und Kunden davon?
Messika: Das neue Betriebsmodell wird den Banken bis 2035 eine deutliche Effizienzsteigerung bringen. Es hilft ihnen, den Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft entgegenzutreten: Denn der bereits angesprochene Personalrückgang muss ausgeglichen werden. Schließlich stehen perspektivisch deutlich weniger Personalkapazitäten für immer mehr Aufgaben zur Verfügung. Gleichzeitig gewinnt das Jobprofil „Bankmitarbeitender“ an Attraktivität, wenn einfache Aufgaben, die bisher manuell erledigt werden müssen, wegfallen, weil sie automatisiert ablaufen können. In Zeiten des Fachkräftemangels ist das ebenfalls ein deutlicher Pluspunkt. Auch die Bankkundinnen und -kunden profitieren vom neuen Betriebsmodell, denn sie wünschen sich immer mehr fallabschließende Self-Services. Die Erwartungen an hybride Kanäle steigen immer weiter. Gleichzeitig beschleunigen neue Technologien die Digitalisierung in einem nie dagewesenen Tempo und die regulatorische Komplexität, der sich Banken gegenübersehen, nimmt weiter zu. Auf all diese Herausforderungen zahlt das neue Betriebsmodell ein. Damit diese Rechnung aufgeht, muss aber noch viel getan werden. Wir brauchen dafür insbesondere ein höheres Maß an Digitalisierung, Automatisierung und Standardisierung in den Banken.
Wie wird das neue Betriebsmodell eingeführt?
Messika: Wir können nicht einfach einen Schalter umlegen und das neue Betriebsmodell ist von heute auf morgen da. Es ist das Zusammenspiel von hunderten Einzelprozessen und -lösungen. Wir führen es also schrittweise über mehrere Jahre hinweg ein. Und es kann nur dann seine Wirkung entfalten, wenn die Volks- und Raiffeisenbanken die von Atruvia bereitgestellten Lösungen auch nutzen und sich entsprechend aufstellen.
„Alle Prozesse und Lösungen, die wir im Rahmen des neuen Betriebsmodells umsetzen, sind technologisch auf der Omnikanalplattform beheimatet.“
Wie geht Atruvia bei der Entwicklung der Prozesse und Lösungen für das neue Betriebsmodell vor?
Messika: Wie schon erwähnt, sind viele fallabschließende Prozesse bereits umgesetzt. Wir planen aber nicht einzelne Prozesse, sondern Prozesscluster. Wir setzen diese Prozesspakete, die thematisch zusammengehören, ganzheitlich um und legen thematische Schwerpunkte fest, die wir fokussiert angehen. Grundsätzlich haben die Prozesse mit besonders hohem Effizienzpotenzial Priorität. Welche das sind, haben wir mit den Referenzbanken und der sogenannten nBM-Bankengruppe validiert. Nur gemeinsam können wir den größtmöglichen Nutzen für die Banken generieren.
Welche Prozesscluster stehen aktuell ganz oben auf der Liste?
Messika: Die Analyse hat ergeben, dass wir bei kundenorientierten Prozessen in den Clustern „Kunde“, „Finanzierung“ und „Geldanlage“ das höchste Effizienzpotenzial haben. Das sind daher auch die kundenrelevanten Prozesscluster, an denen wir aktuell mit Hochdruck arbeiten.
Impulsworkshops des GVB
Der Genossenschaftsverband Bayern (GVB) unterstützt die bayerischen Volks- und Raiffeisenbanken zu aktuellen Bankthemen mit Impulsworkshops. Ziel ist es, den Instituten in einem zweistündigen Austausch das nötige Basiswissen zu dem gewählten Thema zu vermitteln, Praxishinweise zu geben und gegebenenfalls die nächsten Schritte aufzuzeigen. Dazu geben die Referentinnen und Referenten aus dem Team Vertriebsentwicklung des GVB einen Überblick über aktuelle Unterstützungsleistungen des Verbands. Die Impulsworkshops sind für Mitglieder des Zentralen Werbefonds Bayerischer Genossenschaftsbanken (ZWF) kostenfrei. Sie können entweder persönlich vor Ort oder digital durchgeführt werden. Aktuell werden zu folgenden Themen Impulsworkshops angeboten (Stand März 2025):
- Omnikanalentwicklung,
- Vertriebsbank der Zukunft,
- Employer Branding,
- Firmenkundengeschäft,
- Innovationen,
- Künstliche Intelligenz,
- Bitcoin und Blockchain,
- Zahlungsverkehr,
- Nachhaltigkeit.
Auch zum neuen Betriebsmodell der Volks- und Raiffeisenbanken will der GVB in Kürze einen Impulsworkshop anbieten. Alle Informationen und Kontaktmöglichkeiten zu den Referentinnen und Referenten finden die GVB-Mitgliedsbanken auf der Themenseite Impulsworkshops im MuV-Manager.
Was passiert mit dem Bankarbeitsplatz (BAP), der die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Volksbanken und Raiffeisenbanken viele Jahre lang begleitet hat?
Messika: Der BankingWorkspace löst den Bankarbeitsplatz in den nächsten Jahren sukzessive ab. Aktuell können die Volks- und Raiffeisenbanken beide Welten parallel nutzen. Wir setzen im BankingWorkspace zunächst alle marktrelevanten Dinge um. In den nächsten Jahren wird der BankingWorkspace dann für diese Zielgruppe das führende System. Erst mit dem BankingWorkspace ist echtes Omnikanalbanking möglich. Denn Bankkunden und Bankmitarbeitende können dank ihm am selben Prozess über unterschiedliche Kanäle hinweg arbeiten und dabei immer auf dieselbe Datenquelle zugreifen. Der BankingWorkspace ist damit ein wesentlicher Schritt zu mehr Effizienz und Automatisierung und zahlt direkt auf das neue Betriebsmodell ein.
Wie geht es in den kommenden Jahren weiter?
Messika: Um das neue Betriebsmodell zum Erfolg zu machen, müssen alle Beteiligten in der genossenschaftlichen Finanzgruppe in den nächsten Jahren Hand in Hand arbeiten. Wir bei Atruvia haben die Realisierung der kundenorientierten und internen Unternehmensprozesse entlang der Prozesslandkarte ganz oben auf unserer To-do-Liste. Parallel wird es unterschiedliche Unterstützungsangebote geben, um die Banken bei der Einführung zu begleiten. Wir haben außerdem eine große kommunikative Aufgabe vor uns, um möglichst viele Akteure in den Banken mitzunehmen auf unserer gemeinsamen Reise.
„Das neue Betriebsmodell ist eine Gemeinschaftsaufgabe: Wir werden nur dann erfolgreich sein, wenn die ganze genossenschaftliche Finanzgruppe an einem Strang zieht.“
Inwiefern unterstützt Atruvia die Volks- und Raiffeisenbanken bei der Umstellung auf das neue Betriebsmodell?
Messika: Es gibt aus unserem Haus diverse Unterstützungsangebote: Von einer Schulung, die den Banken auf VR-Bildung zur Verfügung steht, bis hin zu Orientierungsdialogen und unterschiedlichen Beratungsangeboten. Konkrete Hilfestellungen bieten außerdem die nBM-Vorbereitungscheckliste und die Prozesslandkarte für Genossenschaftsbanken. Wir lassen niemanden im Regen stehen, der sich mit uns auf diese Reise begeben möchte. Das neue Betriebsmodell ist eine Gemeinschaftsaufgabe: Wir werden nur dann erfolgreich sein, wenn die ganze genossenschaftliche Finanzgruppe an einem Strang zieht.
GVB-Themenseite zum neuen Betriebsmodell
Unter dem Begriff „Neues Betriebsmodell“ (nBM) entwickelt die genossenschaftliche Finanzgruppe ein standardisiertes und hochautomatisiertes Betriebsmodell für Genossenschaftsbanken. Das nBM ist eine von sieben priorisierten Initiativen im Bundesweiten Strategieportfolio (BSP) der genossenschaftlichen Finanzgruppe. Der Genossenschaftsverband Bayern (GVB) empfiehlt seinen Mitgliedsbanken, sich auf strategischer Ebene frühzeitig mit dem neuen Betriebsmodell zu beschäftigen (siehe dazu auch die Antwort von Margit Messika unten). Dazu erarbeitet der GVB zusammen mit dem Baden-Württembergischen Genossenschaftsverband (BWGV) und der Atruvia aktuell zielgerichtete Unterstützungsleistungen. Mehr dazu erfahren GVB-Mitgliedsbanken in Kürze auf der Themenseite zum neuen Betriebsmodell im MuV-Manager. Ansprechpartner beim GVB für individuelle Beratungsleistungen zum Thema sind Robert Oberfrank (roberfrank(at)gv-bayern.de, +49 89 2868-3463) und Manfred Karl (mkarl(at)gv-bayern.de, +49 89 2868-3864).
Was können die Volksbanken und Raiffeisenbanken tun, um sich auf das neue Betriebsmodell vorzubereiten?
Messika: Wichtig ist, dass die Banken jetzt bereits aktiv werden, damit sie den Effizienzgewinn in den nächsten Jahren auch tatsächlich einfahren können. Dazu gehören unter anderem Maßnahmen zur digitalen Aktivierung bei ihren Mitarbeitenden und Kunden. Sie können beispielsweise digitales Banking im strategischen Zielbild der Bank verankern. Sie sollten möglichst die bereits verfügbaren Prozesse heute schon nutzen und sich aktiv mit dem BankingWorkspace beschäftigen. Hier gilt es, Bankmitarbeitende entsprechend zu schulen – auch wenn der Bankarbeitsplatz aktuell noch genutzt werden kann. Ebenso kann die Bank ihr Produktangebot bereinigen und auf weniger Varianten reduzieren, um nur ein paar Beispiele zu nennen.
Frau Messika, herzlichen Dank für das Gespräch!